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Zu schön, um wahr zu sein
Andràs Schiff spielte Beethoven
Hunderte Konzertbesucher treffen sich Sonntags vor ausverkauftem
Auditorium der Psychiatrischen Klinik in Münsterlingen, wenn
András Schiff, einer der großen Pianisten unserer Zeit,
Beethovens Auftrag ausführt: „die Strahlen der Gottheit
unter das Menschengeschlecht zu verbreiten“. Keine andere
Musik, als die des alternden Beethovens, lässt den Hörer
so tief in sein innerstes Selbst blicken, lässt ihn sich auseinander
setzen mit den wesentlichsten Gegebenheiten des Menschseins, trifft
ihn ins Mark, erschüttert, läutert und führt ihn
auf zarten „Klangwolken“ ins Elysium.
Die Formen sind aufgelöst – was sich noch „Sonate“
nennt, ist nur noch eine symbolische Einheit von aneinander gereihter
Stilmittel und Ausdrucksformen. So wird in der E-Dur-Sonate op.109
schon nach 8 Takten das Thema jäh „abgerissen“,
und es folgt ein rezitativischer, dramatischer Einschub. András
Schiff interpretiert diesen ersten Satz sehr lyrisch, abgeklärt,
und stellt erst im zweiten Rezitativ-Einschub die Kontraste stärker
dar. Im zweiten Satz, welcher attacca folgt, lässt Beethoven
prestissimo einen wilden Lebenssturm toben: Schiff hält das
Tempo sehr kontrolliert, erinnert nur durch markante und dramatische
Bassoktaven an die Wirren des Lebens, konzentriert sich lieber auf
das Darstellen der Geistlichkeit innerhalb der polyphonen Stellen.
Schicksalhafte Verstrickungen, Konflikte, dramatische Ausbrüche
– Schiff steht daneben, beschreibt, beschönigt und verliert
an Glaubwürdigkeit, indem er dem Hörer vermittelt, in
dieses Geschehen selbst nicht involviert zu sein.
So kann das wiederkehrende, lyrische Thema am Ende des Variationensatzes
auch nicht erlösend wirken, denn bei Beethovens auskomponiertem
Accellerando, welches sich in überschäumenden, rasenden
und wild wogenden Geknäuel von Triller- und Akkordbrechungsketten
entlädt und allmählich wieder abebbt, scheint es, als
habe die beim Hörer erfahrbar zu machende „göttliche
Kraft“ schon im Voraus seine regulierende Wirkung beim Interpreten
erzeugt.
Auch bei der folgenden As-Dur-Sonate op.110 (Schiff wechselt vom
Steinway- zum Bösendorfer-Konzertflügel) wird die Dramaturgie
nicht existenziell genug dargestellt. Denn wenn es um das Leben
geht, und Beethoven molto allegro vorschreibt, dann kann das eine
oder andere schon einmal außer Kontrolle geraten oder sollte
zumindest diesen Eindruck erwecken, und das Arioso dolente - Zitat
von Bachs Arie aus der Johannes-Passion „Es ist vollbracht“
- sollte singend und atmend Leidensschmerz vermitteln! Nicht so
bei András Schiff. Aber wie er im Rezitativ des Adagios diesen
einen Ton durch „Bebung“ modelliert, bis er seine Ausdruckskraft
erhält, wie er im Verlauf der Fuge zunächst still und
heilig, dann bis zum Finale groß, feierlich und herrlich das
Thema entfaltet – dies schafft nur ein Künstler mit seinem
Intellekt und geistiger Durchdringung des gesamten Beethovenschen
Lebenswerkes.
Doch auch bei der c-moll-Sonate kommt das, was wild zerklüftet
dargestellt oder wie ein Katarakt vom Himmel stürzen müsste
etwas schwächlich und ungefährlich daher. Auch hier wieder
András Schiffs größte Ausdrucksfähigkeit
in den Fugati, und diesmal gelingt es ihm in den leisen Trillerstellen
am Schluß, die von Beethoven gewünschte Andächtigkeit
beim Hörer zu hinterlassen: An diesem Sonntag strecken Menschen
in Gedanken ihre gefalteten Hände gegen den Himmel, auch ohne
in der Kirche gewesen zu sein.
Markus Horsch
Südkurier Nr. 263/RS von Mittwoch, den 13.
November 2002 "Kultur in der Region"
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