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Im Wechselbad der Gefühle atmen die Töne
Die junge Violinistin Julia Fischer könnte einmal ganz groß werden - In einer Duo-Matinee in der Kartause Ittingen führte die mehrmalige internationale Preisträgerin ihre Kunst vor

Die zum Konzertsaal umfunktionierte Remise des ehemaligen Klosters bei Frauenfeld ist ausverkauft. Rund 300 Zuhörer aus der ganzen Region treffen sich zum Violin-Rezital der erst 19-jährigen Julia Fischer, welche gerade dabei ist, sich auf Grund ihrer Wettbewerbserfolge die internationalen Konzert-Podien zu erobern. Begleitet wird sie von der Ukrainerin Milana Chernyavska, Dozentin an der Musikhochschule in München und ebenfalls mehrfache Preisträgerin internationaler Wettbewerbe. Die Frage, ob man so jung schon „zwei Stunden lang ein Publikum erfreuen“ kann stellt sich erst gar nicht: Schon mit der ersten Phrase von Mozarts F-Dur-Sonate für Klavier und Violine trifft Julia Fischer sofort den richtigen Gestus, bannt das Publikum an ihre schöpferische Ausdruckskraft und ihren, die Komposition durchdringenden Gestaltungswillen. Schade, dass hierbei die Klavier-Partie etwas unterbelichtet bleibt, denn eigentlich handelt es sich ja um eine Klaviersonate mit obligater Violinstimme, und vor allem an den Stellen, wo in der rechten Hand die führende Melodie singend erklingen müsste, wirkt dann die (wenn auch noch so schön gespielte) Nebenstimme der Violine etwas dominant. Auch schwächlich (trotz des Steinway-D) die Klavierpartie immer an den Stellen, wo sich eigentlich Energie entladen sollte. Doch schön strukturierte Phrasen, perlende und brillierende Sechzehntel-Ketten, perfekt ausgearbeitete Dialektik und Korrespondenz der musikalischen Ideen, – dies hinterlässt beim Publikum schon nach dieser Mozart-Sonate begeisterte Bewunderung.
Mit großem Wurf und packenden Tremoli beginnen die Künstlerinnen Griegs dritte Sonate in c-Moll op. 45. Verwunderlich, dass dieses Werk nicht öfters in Konzerten gespielt wird, denn vielseitig in der Thematik, lyrisch und energisch, zärtlich dahin schmelzend und sich wieder aufbäumend, wasserfallartig geplätschert und in lautmalerischen Stimmungsmomenten sich ergießend, erlebt der Hörer ein ständiges Wechselbad der Gefühle. Hier wirkt auch die Pianistin plötzlich wie entfesselt, die Kantilenen in der Partie der rechten Hand beginnen zu singen, im lyrischen zweiten Satz zart und hell, schlicht und fein, im Finale des ersten Satzes werden die furiosen und technisch sehr anspruchsvollen Stellen spielerisch bewältigt. Große Dramaturgie im Finale des dritten Satzes, bei der Julia Fischer mit ungebändigter Willenskraft und ihrem Instrument eine Wirkung hinterlässt, welche sonst nur ganz großen Sängern vorbehalten bleibt: Töne, Atem, Spannung – das „trifft ins Mark“.
Nach der Pause erklingt Johann Sebastian Bachs d-Moll-Partita für Violine solo, deren letzter Satz „Chaconne“ durch Ferruccio Busonis Klavierbearbeitung auch unter den Pianisten große Berühmtheit erlangt hat. Julia Fischer beginnt die Allemande weich und ruhig, ausladend, weit denkend und konzipierend innerhalb der Phrasierung. Nichts Erwähntes gerät in Vergessenheit, sondern wird wieder aufgegriffen, kommentiert, variiert, und innerhalb der Stimmigkeit durchgeführt. Auch in der Courante wirken die einzelnen Teile „wie aus einem Guss“. Nie verliert sie sich in Geplänkel – ein großes Haus wird gebaut mit vielen kleinen Verstrebungen, welche alle ihre tragende Funktion inne haben. Und was Bachs Musik so göttlich erscheinen lässt, erklingt in der Sarabande: Akkordbrechungen, bei denen der Basstonbezug das harmonische Grundgerüst darstellt, weiche Phrasen, Melismen, welche dieses Gerüst umranken, das Spielen mit den Harmonien, Hören des entstandenen Gestus’ und die Verknüpfung zur vollkommenen musikalischen Aussage. Und auch in der Gigue gelingt es Julia Fischer, alles so darzustellen, dass es unumstößlich und allmächtig wirkt: Energisch und virtuos, dabei reinste Intonation auch in den technisch noch so schwersten Phrasen, unglaubliche Präsenz und Disposition: die in langen Übestunden erarbeiteten Automatismen und Reflexe laufen ab, jedoch stets gepaart mit dem entsprechenden Geist und Willen zum zeitgeistlich richtigen Ausdruck! Und in der Chaconne offenbart sich die Violinistin gar als „überperfektionistische Wundergeigerin“, bei der Intellektualität, Geschmack, Gedächtnis, Feinsinn, Geschicklichkeit und Spielfreude zum Aufzeigen einer „Idylle“ führen, die das Publikum nur noch still, konzentriert und entrückt lauschend wahr nimmt.
Schuberts „Rondo brillant“ für Violine und Klavier beginnt mit einer orchestralen Einleitung, quasi einem „Recitativo accompagnato“. Hier wirkt der Klavierpart nicht orchestral, und in den später erklingenden Punktierungen nicht scharf und energisch genug. Trotzdem ganz großartige Kammermusik, denn die für Schubert so typischen lyrischen und liedhaften, oft auch verspielten und musikantischen Stellen werden von beiden Künstlerinnen so hervorragend und glänzend dargestellt, dass das Publikum nach begeistertem Applaus noch nach einer Zugabe verlangt: Es erklingt die „Polonaise de Concert“ von Henryk Wieniawski , ein „Schmankerl“ welches diejenigen Lügen straft, die Klassische Musik als „ernst“ bezeichnen! Bravo, bravo!!

Markus Horsch

Südkurier Nr. 287/K von Mittwoch, den 11. Dezember 2002 "Kultur in der Region"


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