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Konstanzer Philharmonie im Aufbruch
Neuer Geschäftsführer, neues Leitbild, neue Ideen und
bald neuer Chef-Dirigent
Neuer Geschäftsführer, neues Leitbild, neue Ideen, neuer
Chef-Dirigent, und vielleicht endlich sogar bald neues Ambiente
für die Konzerte: sowohl die Musiker, als auch die Konzertbesucher
der Südwestdeutschen Philharmonie werden in naher Zukunft mit
einigen Veränderungen konfrontiert. Und um es gleich vorweg
zu nehmen: Es haben nicht nur die jetzt schon „neuen Besen
gut gekehrt“, sondern von einer positiven Aufbruchstimmung
des Orchesters war zu spüren, welche sich auf ein dankbares
und hoch erfreutes Publikum übertrug. Neu die Einführung
ins Werk, welche künftig laut Christian Lorenz, dem Geschäftsführer,
regelmäßig statt finden soll. Hier plauderte der erste
Bewerber für die Chef-Dirigenten-Stelle, Massimiliano Matesic,
15 Minuten aus dem „Interpretations-Nähkästchen“
und stellte sich damit auch gleichzeitig einem Teil des Publikums
persönlich vor. Ein bisschen überfrachtet mit musiktheoretischen
und –wissenschaftlichen Terminologien (aber wie will man es
in 15 Minuten auch anders erkenntnisreich vermitteln?) wurde hier
auf die vierte Symphonie von Brahms eingegangen. Ob nun die alt-französischen
Meister wie Francois Couperin oder Jean-Philippe Rameau für
die Brahms’sche phrygisch-kirchentonale Verarbeitung des Themenmaterials
Pate gestanden haben mögen, oder gar die Rhythmen und Harmonien
des spanischen Tanzes, wie es Herr Matisec plausibel demonstrierte,
bleibt dahingestellt – romantisierter, melancholischer Neobarock
war die Quintessenz, welches das nun für die Brahms’sche
Musik sensibilisierte Auditorium erwartete.
Das Konzert begann jedoch mit Mendelssohns Märchen-Ouvertüre,
der Vertonung der Sage von der ins Menschenleben geratenen Melusine
(literarisch auch bekannt als Undine oder Rusalka).
Matisecs Dirigat wirkt gelöst, stimmig und gleichzeitig bestimmend,
frei und dennoch initiierend, und man spürt die Akzeptanz innerhalb
des Orchesters, verbunden mit dem Willen zur gemeinschaftlichen
Interpretation. Wunderschön herausgearbeitet und bis ins Detail
ausgeleuchtet die in makelloser Intonation ertönenden Bläsersätze,
die in gelösten Wellen daher „schwellenden“ Klangspektren,
die von der Klarinette erzeugten idyllische Zauberstimmung und die
von den Bässen und Hörnern prägnant dargestellte
Dramaturgie.
Das von Herrn Matisec initiierte entspannte, poetisch gelöst
und befreiend wirkende Orchester begleitet den Solisten Torleif
Thedéen mit Schumanns Cello-Konzert: Ein stimmiges Miteinander;
der Solist zu Beginn etwas routiniert, jedoch im Verlauf ein immer
lebendigerer und leidenschaftlicher wirkender, bis in Schumanns
intimste Stille und in seligste Wonnen hinein spürender Interpret.
Nach der Pause dann die 4. Symphonie von Brahms: Die hohen Streicher
zunächst etwas blass, flach und leidenschaftslos, fehlt der
Musik ein bisschen der schwere Atem, die streng wirkende Energie
und Kraft. Vielleicht doch zu spanisch-tänzerisch gedacht?
Doch hinein gelauscht bis in das zärtlichste Pianissimo, und
plötzlich sich rhythmisch und energisch entfesselnd gebärdend
verschafft Matisek mit seiner Interpretation beim Hörer dennoch
einen tiefen Eindruck: Ausgewogene polyphone Stimmigkeit im ersten,
verbindender Schmelz, Leidenschaft und Zärtlichkeit im zweiten
Satz, im Scherzo elastisch federnd gelöster Witz und im Finale
selbst im stärksten ff noch kultivierter und abgemischter Orchester-Sound!
Die Philharmonie im Aufbruch – bleibt zu hoffen, dass sich
das Orchester auf diesem Weg weiter entwickelt und sich die Jury
auch nach dem Konzert des fünften Bewerbungskandidaten an dieses
erste, beglückende und in die Zukunft weisende Konzert erinnern
wird.
Markus Horsch
Südkurier Nr. 25/G von Freitag, den 31.
Januar 2003 "Kultur"
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