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Neuer Weltrekord des Klavierspiels
Perahia mit Chopins Etüden
Was für Bergsteiger die Bezwingung des Mount Everest bedeutet,
das kommt dem ziemlich nahe, was die Beherrschung der Chopin-Etüden
für die Pianisten anbelangt: Wer sie spielen kann, hat „ausgelernt“,
steht auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft, hat jahrelange, wenn
nicht gar jahrzehntelange Vorbereitungszeit investiert. Dabei sind
Chopins 24 Etüden gar keine Etüden im Sinne von Übungsstücken,
bei denen die Bewältigung eines technischen Problems im Vordergrund
stehen würde - so wie auch seine 24 Préludes keine Vorspiele
zu etwas Eigentlichem sind. In Anlehnung an Bachs Zyklus des „Wohltemperierten
Klaviers“ stellt jede Etüde für sich einerseits
ein Charakterstück dar, ist aber auch andererseits in der Ausübung
verbunden mit einer extremen technischen Schwierigkeit, und als
Zyklus stellen sie in ihrer Gesamtheit sowohl die höchsten
technischen, als auch musikalischen Ansprüche an den Künstler.
Wie viele namhaften Pianisten haben diesen von Chopin an Franz Liszt
gewidmeten Zyklus schon gespielt bzw. auf einen Tonträger gebannt!
Und nun bringt Sony eine Einspielung von Murray Perahia heraus,
welche für den Klavier begeisterten CD-Hörer und Kenner
die Frage aufwirft: Noch schneller, noch lauter, noch brillanter
als z.B. Pollinis Einspielung? Nein! Hier kommen noch ganz andere
und entscheidendere Qualitäten zum Ausdruck, und das Warten
auf die Einspielung dieses, nun schon reifen Künstlers, hat
sich gelohnt: Technik, Tempo und Brillanz sind schon gar nicht mehr
erwähnenswert, weil so selbstverständlich vorhanden und
im Dienste des musikalischen Ausdrucks eingesetzt – dafür
kommt die Individualität jeder einzelnen Etüde zur Geltung.
Homogenität des Anschlags, logische Phrasierung, Spannungsaufbau,
Verhältnismäßigkeit innerhalb der Dialektik, Gesanglichkeit
in den lyrischen Stellen, Stimmigkeit innerhalb der polyphonen Stellen
und Werktreue. Der Notentext ist bis ins kleinste Detail verwirklicht,
ohne dass die Musik pedantisch oder gar schulmeisterlich belehrend
wirkt. Alles wirkt sinnvoll, stimmig, logisch, aber eben dadurch
auch verdammt packend! Hier ist Intellektualität gepaart mit
Ausdruckskraft und Spannung. Keine Note geht verloren, trotz der
manchmal irrwitzigen Tempi – und nichts Technisches dient
dem Selbstzweck oder gar der Selbstdarstellung.
Ein Muss sowieso für den, der diese wunderschönen Klavierstücke
noch nicht kennt, aber auch ein entscheidendes Erlebnis und eine
Bereicherung für die Kenner und Liebhaber der Chopin’schen
Klaviermusik!
Markus Horsch
Murray Perahia, Chopin-Etüden, Sony
Südkurier Nr. 42 von Donnerstag, den 20.
Februar 2003 "Welt der Musik"
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