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Der Kampf mit den Altlasten
Geht früh von der Bühne: Die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz unter Petr Altrichter

Es gibt Situationen, die sind symptomatisch in ihrer Bedeutung und in ihrer Wirkung: Warum löst sich ein ganzes Orchester auf und tritt den Weg in die Garderobe an, noch bevor der verdiente Schlussapplaus verklungen ist und ein lang gedienter Chefdirigent seinen Erfolg mit seinem Orchester zusammen vor Publikum feiern kann? Oder wurde es vielleicht gar nicht als Erfolg wahr genommen? Oder war die Zugabe der rumänischen Rhapsodie von Enescu, welche von Herrn Altrichter als zehnminütiges Geschenk an das Publikum angekündigt wurde, für die Orchestermusiker zeitlich schon ein zu unverhältnismäßig langer Abstrich des wohlverdienten Feierabends? Sei`s drum - der Hörerschaft des fast ausverkauften Konzilsaales hat das Konzert gefallen und es war am Schluss begeistert - hier geht es um die Darstellung des guten Willens jedes einzelnen Musikers, und in künstlerischer Hinsicht um den „schöpferischen Gestaltungswillen“, welcher sich in langer und intensiver Probenarbeit vom Dirigenten auf das Orchester, und von diesem auf das Publikum überträgt. Aber auch von diesem Willen war über weite Strecken des Abends nur wenig zu spüren, und die Orchestermusiker mögen sich fragen, woran es gelegen haben könnte.
Zugegeben – die Symphonische Dichtung Liszts über die Situation des Dichters Tasso kurz vor seinem Tod ist nicht gerade ein Meisterwerk. Trotzdem kann man viele dramaturgischen Elemente viel deutlicher und glaubwürdiger darstellen: Wo bleibt das Pathos in den Violinen, welches durch deutlicher angesetzte Phrasen, wo das süßliche Verlangen, welches durch ein intensives Vibrato zum Ausdruck käme? Und dann platzt nur ein kleiner Knallfrosch statt des Lösens eines Kanonenschusses, und die neue Idee des poetischen Unsterblichkeitsanspruchs kommt nach Takt- und Tempowechsel nur wenig schlüssig an.
Mit Tschaikowskys Violinkonzert hat sich die Philharmonie ein Werk ausgesucht, welches sowohl an den Solisten, als auch an das Orchester höchste Ansprüche stellt. Sämtliche Violin-Virtuosen müssen sich an den legendären Einspielungen des jungen Gidon Kremer oder Anne-Sophie Mutters mit Karajan messen, welche die meisten Klassik-Liebhaber im CD-Regal besitzen und in ihren Wohnzimmer-Sesseln hören können. Und mit Christian Tetzlaff ist hier ein Solist zu Gast, dem alle Hochachtung gebührt und der dieser Musik sowohl technisch, als auch musikalisch in begeisternder Weise gerecht wurde. Leider hatte er nur wenig Unterstützung durch das Orchester an den Stellen, wo sich der Violinton in den Orchesterklang einbettet, oder wo sich gar musikalische Impulse vom Orchester auf die gestischen Ausdrucksformen der Violin-Partie übertragen. Einzig im zweiten Satz erklingen nach anfänglicher Unruhe doch noch beseelte Momente, jedoch verpufft die Orchestervirtuosität im dritten Satz und verkommt zum Selbstzweck – und so steht Christian Tetzlaff als gefeierter und mit Bravorufen überschütteter Einzelkämpfer da, und verabschiedet sich mit seiner Zugabe aus einer Bach’schen Solosuite vor der Pause.
Schade, dass nicht alle Szenen aus Kodálys Háry-János-Suite zu Gehör kamen, denn nach der Pause wirkte das Orchester deutlich frischer, und das Publikum konnte mit Schmunzeln den klangmalerisch dargestellten phantastischen Geschichten des in der Schenke sitzenden ausgedienten Soldaten lauschen. Osteuropäischer Melodienschatz, Pentatonik, modale Skalen, Streicherquinten con sordino - fast bis ins Delirium reichende Traumekstasen wechseln mit imaginären Siegesfeiern, von Bläsern, Trommel und Glockenspiel herrlich herausgearbeiteten klangmalerischen Effekten. Ungarische Tanzmusik, virtuose Cymbal-Soli, Hornquinten angereichert mit Oboe und Klarinette, Accelerandi, Ritenuti . . . . . .Rums – Zack – Das war gut! Und dies bedurfte einer Zugabe – bravo!!

Markus Horsch

Weitere Aufführungen:
Freitag 9. Mai 20 Uhr, Sonntag 11. Mai 18 Uhr
Sonntag 11. Mai 18 Uhr

Südkurier Nr. 106/G von Freitag, den 9. Mai 2003 in "Kultur"


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Pianist, Klavierpädagoge Konstanz