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„D’rum prüfe wer sich ewig bindet.
. .“
Gefeierte Premiere von Donizettis komischer Oper „Don Pasquale“
in St. Gallen
Was im Jahre 1843 als Botschaft mit ironisch erhobenem Zeigefinger
an das versnobte Publikum der Pariser Bourgeoisie gedacht war, ist
heute ironisiert formuliert so aktuell denn je: „D’rum
prüfe wer sich ewig bindet, ob sich auch das Geld für
die Scheidung findet!“ Doch hatte das Uralt-Sujet der vorprogrammierten
Konfliktsituationen, hervorgerufen durch vernunft- und standesgemäße
Eheschließungen und der damit im voraus berechneten Erbschaften
und Nachkommenschaften schon in der Commedia dell’arte typisierte
Figuren entstehen lassen, so werden nun bei Donizetti im Sinne des
romantischen Zeitgeistes aus den Typen Individuen - die schematisierten
Gefühle kippen in echte um. Donizetti komponiert seine Opera
buffa „con sentimento“ und weckt damit beim Hörer
die Bereitschaft zur Selbstreflexion. Hier knüpft Stephan Gröglers
Inszenierung an, und lässt das schauspielerisch bestens eingestimmte
Team die Charaktere bis zur grotesken Verzerrung darstellen. Am
eindrücklichsten die von Victoria Loukianetz (Sopran) dargestellte
Kolumbine Norina: räkelt sie sich im ersten Akt noch auf dem
pinkfarbenen Plüschsofa als „Dummchen“ in seliger
Erwartung des Verlustes ihrer Jungfernschaft durch ihren Geliebten
Ernesto (Tenor), so wandelt sie sich im zweiten Akt scheinheilig
zur bescheiden-demutsvollen, „pflegeleichten“ und heiratsfähigen
Frau im Sinne von Don Pasquale (Bass-Bariton), um dann im dritten
Akt zu einer dermaßen impertinenten Furie zu mutieren, dass
– finanzielle Verluste verkommen mittlerweile zur Marginalität
– Don Pasquale sich ihrer nur noch durch Scheidung entledigen
kann. Andrea Concetti singt die Rolle des Don Pasquale (Bass-Bariton).
Auch ihm gelingt es in grandioser Art, sämtliche charakterlichen
Wandlungen theatralisch in Szene zu setzen: Der schrullige und zurückgezogen
lebende „verknitterte Geizhals“, erinnert sich –
nachdem er vom Doktor zunächst in diese Richtung hin „therapiert“
wurde - lüstern an die trotz seines Alters noch bestehende
Manneskraft, spielt „Sugar-Daddy“ vor der vermeintlich
Heiratswilligen und ins böse Spiel eingeweihten Norina, und
verkommt am Schluss zum gedemütigten, verspotteten und bemitleidenswerten
„Alten Sack“. Auch die Rolle des „Il Dottore“
Maletesta (Bariton), dargestellt von David Maze, ist mehr als zwielichtig:
Agiert er zunächst als Seelenheiler und Heiratsvermittler ähnlich
wie der Barbier bei Rossini, so entpuppt er sich später als
„Doppelagent“, welcher zuletzt den betrogenen Don Pasquale
von seinen falschen Vorstellungen des alternden Liebhabers wieder
heilen muss. Und dann Ernesto (Tenor), dargestellt von Dario Schmunck,
der Beneidenswerte, der Geliebte, das „Weichei“, welches
sich seine Liebe und gesellschaftliche Existenz ohne die Erbschaft
von Don Pasquale finanziell nicht leisten kann - er bringt in seiner
Rolle als Gegenleistung die Potenz mit ins Spiel, welche dem Publikum
glaubwürdig darlegt, wofür er von so einer „Super-Puppe“
wie Norina geliebt wird: Aufrichtigkeit der Gefühle, Leidenschaft,
Standhaftigkeit, Männlichkeit. Er ist in diese Intrigen nicht
verwickelt, lediglich durch sie begünstigt. Er darf echte Gefühle
sängerisch zum Ausdruck bringen, darf schmachten, leiden, hoffen,
lieben.
Donizetti komponiert seine Musik mit diesen charakterlichen Feinheiten
und stellt sie mit allen Mitteln dar, welche ihm kompositorisch,
orchestral und durch die dramaturgisch-sängerischen Rollen
zur Verfügung stehen. Auf einem Ton repetierende „Melodien“,
begleitet von schon in die Operetten-Zukunft weisenden Walzer-Rhythmen,
kühne Rückungen und Trugschlüsse in die wunderlichsten
Tonarten, das Spiel mit Dur und Moll, chromatische Bassführungen,
welche manchmal schon nicht mehr ins funktions-harmonische Gefüge
passen und dissonant ihre Wirkung erzeugen: so entsteht wohlkalkulierte
musikdramatische Ironie, ein „Tanz auf dem Vulkan“ der
sich ständig in Bewegung befindlichen und wechselnden menschlichen
Leidenschaften.
Daisuke Muranaka hat sowohl das Orchester, als auch Sänger
und Chor sicher im Griff. Alle Beteiligten hatten ihre Hausaufgaben
gemacht, die Partien wurden bestens einstudiert und klanglich abgemischt.
Waren die agierenden Musiker während der Ouvertüre noch
etwas zu stark konzentriert, so löste sich der Knoten spätestens
beim Auftritt von Victoria Loukianetz, welche nicht nur sich, sondern
auch alle anderen Agierenden durch ihre überragende Bühnenpräsenz,
ihr schauspielerisches Talent und ihre musikalische und sängerische
Ausdrucksfähigkeit zu Höchstleistungen brachte. Bis zum
Ende des zweiten Aktes steigerte sie sich stimmlich kontinuierlich
und hinterlies den Eindruck einer auf den internationalen Bühnen
gefragten Diva. Auch die Bariton-Stimmen konnten sich steigern,
und so blieb lediglich der Tenor mit seiner Stimme schuldig, was
ihm Donizetti, wie oben beschrieben, als Aufgabe zugedacht hatte.
Trotzdem ein herrliches Opernvergnügen, welches vom Publikum
des ausverkauften Hauses begeistert gefeiert wurde.
Markus Horsch
Weitere Aufführungen: 7.6./ 18.6./ 25.6.
Südkurier Nr. 125/K von Montag, den 2.
Juni 2003
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