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Witz und Leidenschaft
Bodenseefestival: Konstanzer Philharmonie begeistert vor Schweizer
Publikum
Das Konzept des berühmten Malers und Philosophen Friedensreich
Hundertwasser (1928-2000) ist denkbar einfach. Der Schweizer würde
sagen: “Von Natur aus wirksam“. Wer sich in seiner Haut
wohlfühlt, wird auch als Mensch seine positive Wirkung auf
die Mitmenschen nicht verfehlen. Und hier, versammelt in der „Dritten
Haut“, dem „Haus des Menschen“, der Markthalle
zu Altenrhein, wurde nun auch hörbar, was des Menschen Geist
erfreut. Hat Hundertwasser seinen Kampf gegen Anonymität, Gleichmacherei,
Kleinkrämerei, Stumpfsinn und Sterilität mit seinen architektonisch-künstlerischen
Mitteln geführt, wie leuchtenden Farben, geschwungenen Linien
und ungleichen Formen, so trat nun die Philharmonie gleichsam als
„Armee von Generälen“ an, um in der von Hundertwasser
konzipierten „Heiligen Halle“ den Sieg dieses Kampfes
mit musikalischen Mitteln gebührend zu feiern.
Urs Schneider, ein „Grand-Seigneur“ der Dirigenten und
schon weltweit mit über 150 verschiedenen Orchestern vertraut,
wusste wohl, wie er zu verfahren hatte, um mit dem Konstanzer Klangkörper
seine Musik zu initiieren, welche über weite Strecken in Qualität
„CD-reif“ ankam: Er ließ sie spielen! Da war nichts
Erzwungenes, nichts Gekünsteltes, alles ganz und allein im
Sinne der Musik und deren Stilistik gedacht, ganz auf die Ausdrucksfähigkeit
der Musiker vertrauend – und besonders schöne Kantilenen
wurden mit einem Lächeln belohnt.
Schon in Beethovens eigentlich eher unbekannter Ouvertüre zur
„Weihe des Hauses“ op. 124 lässt Urs Schneider
unter seiner Hand ruhig und souverän klärend und ordnend
das großartige „Klang-Haus“ in Beethoven’schem
Kolorit aufbauen, welches sich nach wunderbar angelegtem Fugato
– dabei kommt jede Stimme gleich präsent - hymnusartig
selbst feiert.
In Paganinis Violinkonzert D-Dur op. 6 präsentiert sich das
Orchester als vorzüglicher „Vorbereiter“, Begleiter,
Unterstützer und „Gesprächspartner“ für
den jungen Solisten Julius Aria Sahbai (geb. 1983). Zunächst
meistert dieser mit kaltschnäuziger Souveränität
jede nur erdenkbare teuflische geigen-virtuose Schwierigkeit, doch
– nach dem ersten Satz durch das Publikum mit Bravo-Rufen
angefeuert und vom Orchester kontinuierlich unterstützt –
gelingt dem jungen Künstler ab dem zweiten Satz eine ergreifende
Interpretation, welche dem Hörer von innigster Zärtlichkeit,
deklamatorischem Schmerz, schmissigem Witz bis packender Leidenschaft
zu erzählen weiß.
Und auch nach dem ersten Satz der erst jüngst vom Verlag Simrock
verlegten fünften Symphonie von Mendelssohn will das doch üblicherweise
eher verhalten und diszipliniert reagierende Schweizer Publikum
in begeisterten Applaus ausbrechen, und kann nur durch eine gebieterische
Geste des Dirigenten davon abgehalten werden. Denn Grund für
Applaus gab es wahrlich: Elegische Streicher-Kantilenen, herrlich
herausgearbeitete Kontraste zwischen strengen und straff artikulierten
Themen und weichem, samtfarbigen Schmelz, im „furioso“
dramatisch auseinander treibende Stimmen, welche sich wieder finden
in schwärmerischem und schwelgenden harmonischen Miteinander.
Als heiterer, herrlicher „Sommernachtstraum“ erklingt
der zweite Satz mit perfekten Holzbläser-Repetitionen und wunderschönen
Cello-Soli, der dritte Satz mit Herz bewegendem Streicher-Lamento
– und dann stimmt die Flöte den feierlichen Choral an,
in den nach und nach sich alle Register einfügen: im vierten
Satz die verkleinerte und beschleunigte Choralmelodie, fröhlich,
festlich geschmückt mit umrankenden Sechzehntel-Ornamenten,
stolz, erhaben und großartig.
Friedensreich Hundertwasser ist tot. Seine Konzeptionen und Ideen
jedoch nicht. Und würden diese in Konstanz Fuß fassen
in Form einer Konzerthalle, oder sei es auch nur einer solch gearteten
Markthalle mit dieser entsprechenden Akustik – nicht nur ein
bis nach Luzern reichendes Aar- und Thurgauer Publikum würde
um Karten „betteln“!
Markus Horsch
Südkurier Nr. 128/K von Donnerstag, den 5.
Juni 2003
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