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Wundersame Tenorvermehrung
"The Ten Tenors" im Konzert beim Konstanzer Zeltfestival
Das macht einen Opernfan schon neugierig: Sollte es möglich
sein, dass es inzwischen zehn große Tenorstimmen gibt, welche
sich zusammen gefunden haben, um weltweit die Nachfolge der „drei
Tenöre“ Domingo, Pavarotti und Carreras quasi als neue
Generation anzutreten? „Sie singen wie junge Götter,
sie sind die Antwort Australiens auf die drei Tenöre, sie sind
verführerische Stimmhelden, welche allesamt eine professionelle
Gesangsausbildung mitbringen“ – dieses Marketingkonzept
geht auf! Das Zelt ist ausverkauft, und wenn man auf den Tournee-Plan
dieses Ensembles schaut, so kann man ganz wertungsfrei diagnostizieren:
hier geben Weltstars ihr Stelldichein. Das Programm besteht einerseits
aus einer perfekt inszenierten Show mit geschickt integrierter Promotion
in eigener Sache, musikalisch aus einem Mischmasch aus Folklore,
Oper, Pop, Disco-Sound, Free-Jazz und sonstigen berühmten Melodien,
welche immer wieder abwechselnd von einzeln aus der Zehner-Masse
heraustretenden Solostimmen vorgetragen werden. Auch sonst ist für
Abwechslung gesorgt. Weltmännisch charmant (Bier können
die Herren nach eigenen Angaben zufolge mittlerweile in 14 Sprachen
ordern!) und betont witzig bekommt das Publikum nach und nach die
plausible Erklärung geliefert für den überaus großen
Erfolg, und warum sich das Ensemble vom „etablierten Klassikprogramm“
entfernt hat: „Opera is soooo looong“, und – nebenbei
bemerkt - könnte das Publikum in so einem „steifen“
Ambiente wie einem Opernhaus dann auch nicht mitklatschen und mitgrölen.
Aber „Opera is auch sooo difficult to sing“, und ein
etabliertes Opernpublikum lässt sich weder durch Bierzeltatmosphäre,
noch durch schmetternde Knödel-Soli oder durch tausende Watt
verstärkte heiße Luft erfreuen! Hier zählt einzig
und allein die Stimme, deren Qualität und Ausdrucksfähigkeit,
und die großen drei Tenöre, wie auch alle anderen Tenöre
der großen Opernhäuser, singen ihre Arien nicht mit Mikrophon
verstärkt, und auch nicht in ihrer Stimmdisposition angepassten
Tonlage, sondern in der vom Komponisten vorgesehenen Originaltonart.
Doch sieht man vom klassischen Anspruch und Stimmideal ab, so konnte
man zumindest in metrisch weniger betonten Passagen (das Publikum
legte dann ab und zu eine Klatsch- und Pfeif-Pause ein) einiges
Interessante und auch durchaus Qualitative zu hören bekommen:
Wohltönender und perfekt intonierter Männerchorsound,
bestens aufeinander eingestellte Klavier- und Keybord- Begleitung,
kompositorisch interessant bis genial bearbeitete und für Stimmen
umgesetzte Lieder aus der Volksmusik- und Pop-Szene. Ganz beeindruckend
und als Höhepunkt des Abends dann die Bearbeitung von Queens
„Bohemian Rhapsodie“ nebst dem darin integrierten Song
„Mamma mia“ von Abba. Und wer der angeblich von Pavarotti
geäußerten Idee folgen konnte, dass Opernarien auch nichts
anderes sind, als die Pop-Songs der vergangenen Jahrhunderte, der
konnte sich auch an der unisono vorgetragenen Bearbeitung von Rossinis
„Barbier“-Arie oder der neapolitanischen Tarantella
„La Danza“ erfreuen. Ganz erfreulich war auch, dass
sich trotzt der meterhoch türmenden Lautsprecheranlagen die
Gesamt-Lautstärke in Grenzen hielt. Dem Toningenieur Chris
Mysinski und seinem Team kann man aber über diese Dankbarkeit
hinaus auch in Bezug auf Klangabmischung ein ganz feines Gespür
für den Sound seiner Truppe bescheinigen.
DIE zehn Tenöre sind sie nicht, aber zehn junge Männerstimmen,
welche es auf abwechslungsreiche, pfiffige und äußerst
professionelle Art und Weise verstehen, ihr Publikum mit Stimme,
kompositorischen Verschmelzungsideen und kabarettistisch-schauspielerischen
Einlagen in den Bann zu ziehen - heute in Konstanz, demnächst
in Berlin und Hamburg.
Markus Horsch
Südkurier Nr. 147/K von Montag, den 30.
Juni 2003 "Konstanz"
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