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Frühlings Erwachen
Konstanzer Philharmonie mit romantischem Programm
Eine vorfrühlingshafte Spanien-Konzertreise hat die Konstanzer
Philharmonie gerade erfolgreich hinter sich gebracht – da
lässt sie sich kurz darauf im noch spätwinterlich verhafteten
Konstanz mit neu einstudiertem romantischem Programm hören.
Und nicht nur die ausgewählten Werke des anspruchsvollen Programms,
sondern auch deren Interpretation hinterlässt bei den Hörern
des ausverkauften Konzilsaals den bleibenden Eindruck von „Frühlings
Erwachen“.
Jean Sibelius’ klangmalerisches Heldenepos „En Saga“
op. 9 kommt zwar im Ausdruck noch etwas fest, stabil, ja manchmal
geradezu gehemmt daher, wirkt aber umso überzeugender durch
die gut abgemischten und in Kontrast gesetzten Blech- und Streicherregister,
dem perfekt einstudierten Zusammenspiel in den schnellen Sechzehntelpassagen
und den polyrhythmischen Fugati, bis hin zu dem durch logische und
kontrollierte Steigerung vorbereiteten Kulminationspunkt.
Dass Peter Tschaikowsky seine Orchester-Fantasie op. 32 unter dem
Hör-Eindruck von Richard Wagners „Ring“ (und vermutlich
auch „Tristan“) komponierte, zeigt sich durch die Verwendung
der schier endlos angelegten chromatischen Melodieketten und dem
tiefen Blechbläserkolorit, welches an das Vorspiel zur „Götterdämmerung“
erinnert. Hier gerät die Gattung „Fantasie“ für
Tschaikowsky zum instrumentatorisch-kompositorischen Experimentierfeld,
welches von Herrn Petr Altrichter in hervorragender Weise genutzt
wird, um aus dem Orchester Bestleistung hervorzuzaubern und des
Hörers Phantasie zu erwecken. Denn, dass die Orchestermusiker
den Frühling in Spanien wohl schon genossen haben, wird hörbar
durch den betörenden Streicherklang, welchen Altrichter mit
seinem Dirigat „aus dem Ärmel zieht“, dem langatmigen,
mit Flötenkontrapunkt „gespickten“ Cellosolo, und
allgemein dem frischen Engagement des Orchesters, welches sich bis
zum Schluss steigert, als ob alle Instrumente um die Wette spielten.
Das war sicher der Höhepunkt des Abends, „Concertare
par excellence“ - im wahrsten Sinne des Wortes, und wurde
mit stürmischem Beifall zur Pause belohnt.
Richard Strauss’ Werke stellen an Sänger so hohe Ansprüche,
wie vergleichbar Franz Liszts Werke an die Pianisten: die höchsten!
Und da sich speziell bei Sängerinnen die Stimme im Laufe des
Alters erst zu ihrer vollen Reife entwickelt, ist es nicht ganz
verständlich, warum die junge Andrea Maronn jetzt schon die
Orchesterlieder von Richard Strauss interpretiert. Lieder sind es
wohl, aber eben Orchesterlieder – und da fehlt noch die Tragfähigkeit
der Stimme. Diese wirkt zu klein, zu kurzatmig, im dritten Lied
schon angestrengt, und wo bei den „berühmten Größen
der Weltbühnen“ ein „heißer Strahl“
durch Mark und Bein dringt, da „flattert“ hier ein liebliches
Tönchen an des Hörers Ohr. Einzig im vorletzten Lied „Cäcilie“
wurde deutlich, zu welchen Tönen ihre Stimme noch fähig
sein wird, vorausgesetzt, sie macht sie sich mit solchem unangemessenem
Repertoire nicht vorzeitig kaputt. Das Orchester „pariert“
jedoch mustergültig, lässt erkennen, dass es schon mit
vielen großen Sängern zusammen gearbeitet hat, schafft
ein subtiles „Klangbad“, in welches sich die Stimme
„einbetten“ kann, und trägt so entscheidend zum
eindrücklichen Endergebnis bei.
Als Schlusshöhepunkt erklingt Richard Wagners Ouvertüre
zu „Tannhäuser“. Toll, wie das später einsetzende
Solo-Cello das richtige Tempo diktiert – nämlich langsamer
als der etwas zu hastig beginnende Dirigent. Allerdings stößt
das Orchester dann an seine Grenzen: durch das langsamere Tempo
initiiert, gerät alles ein bisschen zu bieder und zu behäbig
- was aber eigentlich keine Frage des Tempos wäre. Denn wie
z.B. in Dresden von Peter Konwitschny inszeniert, spielt sich schon
innerhalb der Ouvertüre dieser Konflikt zwischen schlichter
Gläubigkeit einerseits und im Venusberg erlebter sexueller
Gruppenexzessen andererseits ab.
Dies kommt hier in der Vielfältigkeit nicht klar genug strukturiert,
in dem vielschichtig komponierten „Liebestaumel“ nicht
exzessiv und vor allem rhythmisch zu nachlässig zur Geltung.
Vieles stimmt hier nur so ungefähr, etliches Wichtige wurde
vernachlässigt in der Fülle des vorhandenen thematischen
Materials.
Trotz aller Kritik - ein „Musikalisches Frühlingserlebnis“!
Markus Horsch
Südkurier Nr. 60/G von Freitag, den 12.
März 2004 "Kultur"
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