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Aus Unrat entsteht der Schatz
Bodenseefestival: SWR Sinfonieorchester zu Gast im Graf-Zeppelin-Haus Friedrichshafen

Einer SWR2 Radio Live-Übertragung konnten die Hörer des fast ausverkauften Graf-Zeppelin-Hauses in Friedrichshafen beiwohnen, dem „orchestralen Beitrag“ des diesjährigen, unter dem Motto ROMANTIK stehenden Internationalen Bodenseefestivals. Und dass auch alle beteiligten Musiker unter der Leitung von Adam Fischer von diesem Motto Romantik mitsamt den Inhalten „Fantasie/Poesie/Sehnsucht“ inspiriert waren, dies wurde schon von der ersten Note an spürbar, und ließ Großartiges erahnen.
Zu Beginn erklang „Die Donau“ des mährischen Komponisten Leos Janacek, ein erst kurz vor diesem Konzert von zwei Musikwissenschaftlern vervollständigtes Fragment. Adam Fischer schuf Ordnung innerhalb diesem „kompositorischen Chaos“, in dem improvisatorisch aneinander gereiht Klangfetzen, Spektren, Farben, angefangene und nicht zu Ende gedachte Ideen und Motive sich fast willkürlich abwechseln. Wirklich sowohl fantastisch, als auch Fantasie anregend, wie Adam Fischer gleich einem großen Magier mit unglaublicher Akribie aus einem Haufen „Unrat“ lauter brauchbare kleine „Schätze“ hervorzaubert und gleichzeitig so auch noch jedes einzelne Register seines Orchesters sich von seiner besten Seite vorstellen lässt.
Dass sowohl Adam Fischer, als auch der Pianist Oleg Maisenberg innerhalb ihres künstlerischen Schaffens schon oft mit großen Sängern zusammen gewirkt haben (Fischer als Dirigent an großen Opernhäusern, Maisenberg als Liedbegleiter), mag eine Erklärung für die außergewöhnlich stimmige und schöne Interpretation des Klavierkonzertes von Edvard Grieg sein, in der immer wieder ein stilles und tiefes Einverständnis beider zum Ausdruck kam. Elegische und verträumt dahin schmelzende Kantilenen, fantastische Kraftentfaltung bis hin zu hymnischen Orgiasmen, perfektes Zusammenspiel mit dem Orchester, und immer wieder das stimmiges Einverständnis über Zeitabläufe in den Übergängen vom einen zum anderen Habitus. Maisenberg präsentiert sich, sein Klavierspiel und seine musikalische Emotionalität in solch überzeugender Einheit, welche nur die ganz großen und so selten gewordenen Tastenkünstler ausmacht, bei denen man über das „wie“ keine weiteren Worte mehr verlieren muss, weil das „warum“ keine Fragen mehr offen lässt!
Nach der Pause erklingt Dvoraks 5. Sinfonie, und hier zeigt Adam Fischer auswendig agierend, wie man „auf einem Orchester spielt“! Im ersten Satz, angefangen von minimalsten Bewegungen, fast „skizzenhaft“ formuliert, lässt er zunächst jeder einzelnen Stimmgruppe des Orchesters freien Gestaltungsraum und setzt dann punktuell seine Akzente. Schön, wie fein, frei und lebendig, rhythmisch gut gefasst, sinnvoll geordnet und doch leidenschaftlich die Themen erklingen und sich durch die einzelnen Register hindurch ziehen. Seine klaren Vorstellungen setzen sich um, und unerbittlich feuert er die Gruppe der Bratschen an, um dann wieder dem letzten Ton nur noch nachzuhören und die Musiker spüren zu lassen, wann er verklungen sein muss. Das Cantabile des zweiten Satzes dirigiert er gleich einem Chorleiter ohne Stock und erreicht so einen „wohlig und tief geatmeten“ Streicherklang. Jede einzelne Geste setzt sich in Klang um, und im Scherzo werden die heiter beschwingten und immer wieder neue kompositorische Überraschungen in sich bergenden musikalischen Gedanken variiert, harmonisch umgewandelt, eingefärbt, neu instrumentiert – das prickelt nur so vor fantastischer Genialität! Und im letzten Satz dann großes Furioso, der ganze Orchester-Apparat bäumt sich auf zu mächtigem Glanz und Pomp, wildes Geknäuel, Pauken und Trompeten – großartig! Tosender und lang anhaltender Applaus zum „orchestralen Beitrag“ des Bodenseefestival 2004.


Markus Horsch

Original Zeitungsartikel

Südkurier Nr. 102/RS von Dienstag, den 4. Mai 2004 "Kultur in der Region"


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