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Zu neuen Taten
Philharmonie Konstanz mit Teufelsgeiger und neuem Dirigenten

War die Hörerschaft im ausverkauften Konstanzer Konzil nach freundlichem und warmen Begrüßungsapplaus für den neu ernannten Chefdirigenten noch in gespannter Erwartung, ob bereits erste musikalische Ergebnisse des Stabwechsels zu hören sind, zeichnete sich schon nach den ersten Takten aus Carl Maria von Webers Ouvertüre „Euryanthe“ eines ab: „Zu Neuen Taten“ wird Vassilis Christopoulos das Orchester treiben können, die Musiker spielen dankbar, motiviert und engagiert unter dem straffen und präzisen Dirigat des neuen Chefs. Und auch was die Kultivierung des Streicherklanges anbelangt, so sind schon erste Schritte in die richtige Richtung erkennbar: intensivere Tongebung der hohen Streicher, welche zwar im Forte noch etwas „roh“ und im Piano noch zu brüchig und verhalten gelingt, jedoch die Ballance des Orchesterklanges schon entscheidend verbessert. So kann sich der in Szenen gedachte Gehalt dieser Musik voll entfalten und beschert dem Publikum ein eindrückliches musikdramatisches und phantastisches Erlebnis.
Paganinis Violinkonzert D-Dur op. 6 ist kompositorisch gesehen wahrlich kein tiefgreifendes Meisterwerk. Paganini hat es komponiert, um sich selbst als Virtuose und „Teufelsgeiger“ vor Publikum präsentieren zu können. Schmissige Melodien reihen sich in loser Folge mit rezitativisch-deklamatorischem „Machwerk“ und süßlichen Kantilenen, was dem ausübenden Geigenvirtuosen die Möglichkeit bietet, sich selbst (durch Beherrschung sämtlicher geigentechnischer „Zaubertricks“) und in musikalischer Hinsicht als „Mephistopheles“ zu produzieren. Und dies gelang dem Solisten Sergej Krylov in Zusammenarbeit mit dem Orchester und dem Dirigenten in beeindruckender, atemberaubender und CD reifer Art und Weise, wobei Virtuosität nie zum Selbstzweck wurde: brillante Sechzehntelketten auf gut strukturiertem orchestralem Unterbau, wahnwitzige, mutig beherzte und technisch perfekte Doppelgriff-Passagen, betörende und einschmeichelnde Melodien, wehklagendes Schluchzen und Schmachten (Ritardandi und Accelerandi waren zusammen mit dem Orchester hervorragend ausgearbeitet), spaßig-tänzerische „Anmache“ – die pure Lebensfreude lässt die Herzen der Hörer mitjubeln, und schon in der Kadenz des ersten Satzes schauen auch die Musiker des Orchesters wie gebannt auf diesen großen Solisten, wie das denn überhaupt machbar ist, was sie da hören! Zauberei, Taschenspielerei, geigerischer Wahn! Frenetischer Applaus vor der Pause entlockt dem Künstler noch als Zugabe die für Violine bearbeitete berühmte D-Moll-Orgel-Toccata von Joh. Seb. Bach. Unwiederbringlich, einzigartig und Weltklasse, was es da zu hören gab!
Auch Bizets Sinfonie Nr. 1 in C-Dur ist kein Meisterwerk, sondern eine spät entdeckte „Jugendsünde“ des Opernkomponisten – und vielleicht gerade deshalb die Gelegenheit für Vassilis Christopoulos, mit diesem Werk, auswendig dirigierend, seine Visitenkarte abzugeben. Bei solchen „unbedeutenden“ Werken liegen die elementarsten Dinge blank: wie gestaltet man einen langen Ton, wie heben sich Kantilenen gegen eine vorherrschende Motorik ab, was bedeutet inhaltlich und dramaturgisch eine dreifache Wiederholung desselben Motivs, wie gestaltet sich Klang in den verschiedensten Stufen eines intensivierenden Aufbaus? Christopoulos agiert im Wechsel von führen und loslassen, von initiieren und reagieren, von bestimmen und geschehen lassen. Und dies ist bestimmt das richtige Rezept: immer wieder ausprobieren, was durch Motivation und Übertragen von Verantwortung von alleine „keimt“ und kommt, und wo man dirigieren muss im wahrsten Sinne des Wortes. So entsteht, wie heute, Großes, und erschließt hoffnungsvollen Ausblick auf weitere „Neue Taten“ - wie auch die Aufführung von großen Meisterwerken - auf die sich das Konstanzer Publikum freuen darf.


Markus Horsch

Südkurier Nr. 262/G vonDonnerstag, den 11. November 2004 "Kultur"


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