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Kalter Rausch
Wiener Live-Mitschnitt von Wagners Tristan veröffentlicht

Er gilt als DER Wagner-Dirigent unserer Zeit, hat einen Exklusiv-Vertrag mit der Deutschen Grammophon, streitet sich (wie auch schon Richard Wagner!) bis zum bitteren Zerwürfnis mit Berliner Kultur-Politikern um bessere finanzielle Rahmenbedingungen für das Opern-Orchester, dirigiert einen unvergesslichen „Tannhäuser“ in Bayreuth und wird dort 2006 den neuen „Ring“ interpretieren: Christian Thielemann. Jetzt gibt es mit ihm bei der Deutschen Grammophon „Tristan“ als Life-Mitschnitt an der Wiener Staatsoper. Für eingefleischte Wagnerianer sowieso ein Muss, diese in Wien so gefeierten fünf Wagner-Stunden mindestens als Interpretationsvergleich ins häusliche CD-Regal zuzukaufen! Seit 1967 gab es keine Neuinszenierung mehr dieses Werkes in Wien, und vielleicht brennt in den Wienern immer noch das Bedürfnis der Rehabilitation von 1863, als „Tristan“ nach 77 Proben als unspielbar zurückgestellt wurde, und Richard Wagner damit in der „Schulden-Falle“ saß!
Als ungetrübter Hörgenuss für die Couch des häuslichen Wohnzimmers ist diese CD jedoch weniger geeignet. Denn was man innerhalb eines aufregenden Life-Erlebnisses an „Schwund“ noch billigend in Kauf nimmt, mag man als vor allem von der Deutschen-Grammophon Verwöhnter Heim-Hörer nicht akzeptieren: schon in der Liebesnacht des zweiten Aktes klingt die Stimme von Thomas Moser als Tristan angestrengt, und auch das Orchester weiß mit dem „Markenzeichen“ Thielemanns nicht wirklich etwas anzufangen! Die von ihm zur Verfügung gestellte „gedehnte Zeit“ müsste sich füllen mit diesem unsagbaren „Hauch“ von Dürsten, Sehnen, Verlangen und Schmachten, und dann - gleich einer Droge - in rauschhaften Nicht-Mehr-Erwachen-Wollen abgleitenden selbstvergessenen Bewusstseinszustand führen. Nichts von alledem: es bleibt kalt, sachlich und nüchtern mit Ausnahme des von Deborah Voigt fulminant vorgetragenen Liebestods am Schluss. Ist das wieder so ein verlorener Kampf Wagner’schen Musik-Qualitäts-Anspruchs und Christian Thielemanns gegen Produktions-Kosten-Kalkül? Aber er kann ja nicht an allen Fronten gleichzeitig streiten! Er darf und muss aber weiter kämpfen! Drücken wir ihm die Daumen für SEINE Musik!


Markus Horsch

Südkurier Nr. 281/K von Freitag, den 3. Dezember 2004 in "Welt der Musik"


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