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Dichtung und Wahrheit
Saison-Eröffnung der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz

Neu ist er für das Konstanzer Publikum schon nicht mehr, aber seit dieser Spielzeit nun offiziell als neuer Chefdirigent im Amt: Der Grieche Vassilis Christopoulos, der sich neben der Pflege des traditionellen Programms mit dem Orchester auch auf neue Wege begeben möchte. In diesem Sinne wird schon die erste Hälfte des Saison-Eröffnungskonzertes durch seine Programmauswahl geprägt, indem er die poetische Komposition „Phoenix Music“ seines schon verstorbenen und fast in Vergessenheit geratenen Landsmannes Jani Christou zur Aufführung bringt. Diese Komposition der Symphonischen Dichtung „Orpheus“ Franz Liszts gegenüber gestellt verschafft ihm und seinem Orchester als Eröffnungs-Präsentation ein breites, tondichterisches und klangmalerisches Experimentierfeld mit schier pädagogischer Dimension: denn ob Holzbläserkantilenen auf Streicher-Harfen-Klangbett, süßlich klingende Solovioline oder skurriles Kontrabaß-Glissando, kammermusikalisches Korrespondieren oder das Auftürmen der Schicht auf Schicht sich kulminierender Klangspektren – jedes Register war gefordert, jede Stimme mindestens einmal solistisch im Einsatz. Entsprechend wach, motiviert und engagiert agierte das Orchester – allerdings kam es bei der inhaltlichen Umsetzung der jeweiligen dichterischen Ideen zu keinem schlüssigen Gesamteindruck, was vielleicht an der zu großen Anspannung und Konzentration Chrisopoulos auf einzelne Klangeffekte und zu weniger Berücksichtigung des musikalischen Verlaufs (Phrasierung) gelegen haben mag. Verhaltener Applaus zur Pause – Unverständnis des soeben Erlebten mischen sich mit Vorfreude auf eines der größten Werke der Musikgeschichte.
Bei der Interpretation der Eroika-Symphonie von Beethoven entstehen im ersten Satz durch ein instabiles und von Christopoulos insgesamt zu schnell gewähltes Tempo Unstimmigkeiten. Dramaturgische Kräfte-Unverhältnisse und eine immer wieder aufs neue aufkeimende innere Unruhe lassen den Inhalt der Komposition oft nur oberflächlich zur Wirkung kommen. Besser gelingt der Trauermarsch, bei dem das Publikum erstmalig die Großartigkeit, Erhabenheit und Wahrhaftigkeit Beethovens zu spüren bekommt, indem das Orchester zu einem homogenen Klang und einer einheitlichen und musikalisch inhaltlich klaren Willensäußerung findet. Die Wirkung der Motorik innerhalb des Scherzos kommt durch diesmal klug gewähltes und stabiles Tempo voll zur Geltung. Der klangliche Kontrast zum Trio hätte noch besser herausgearbeitet werden können. Wieder gibt es anfängliche Flüchtigkeiten und Unruhe bei der Aufstellung der Themen im Finale, welche diesmal von den später einsetzenden Kontrapunktsechzehnteln stabilisiert werden - und ab da präsentiert sich das Orchester von seiner besten Seite, zeigt wie ausgelassene Freude und feurige Leidenschaft zum Ausdruck kommt, und wächst in der Coda sogar über sich hinaus. Man darf also gespannt sein auf die weiteren Konzerte in der kommenden Spielzeit.


Markus Horsch

Bild aus der Zeitung

Südkurier Nr. 215/MP von Freitag, den 16. September 2005 "Kultur"


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