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Berauschend – Betörend – Bezaubernd
Konstanzer Philharmonisches Orchester mit russischen Meisterwerken

Dass Qualität kein Zufallsprodukt ist, sondern ein Zusammenwirken vieler verschiedener begünstigender und zielorientierter Kräfte – dies zeigte das Ergebnis des heutigen Konzertes der Südwestdeutschen Philharmonie im vollbesetzten oberen Konzilsaal: Gleich vorweg zu nennen der bulgarische Gastdirigent Georgi Dimitrov, der sich und sein hervorragendes Dirigat stets in den Dienst der unter seinen Händen aufblühenden Musik stellt, mit knappen Bewegungen das Nötige anzeigt, ordnet, um dann mit seinem „Instrument“ Orchester Klangwelten zu initiieren, welche die dicken und tief hängenden ehrwürdigen Deckenbalken des Konzilsaals zwar nur ungern reflektieren, den Hörer aber dennoch in entrücktes Erstaunen zu versetzen vermögen.
In der ersten Hälfte des Konzertes erklingt Sergei Rachmaninoffs drittes Klavierkonzert d-Moll op. 30, und hier erweist sich in der Wahl des Pianisten Andreas Jetter der zweite personelle Glücksgriff des Abends: gilt dieses Klavierkonzert als eines der schwerst zu spielendsten überhaupt und hat man schon namhafte Klaviervirtuosen mit diesem Werk „kämpfen“ sehen, so überrascht Jetter mit müheloser, fast spielerischer Leichtigkeit. Und so kann er seinen Klavierpart in die hervorragende Orchesterarbeit integrieren, um zu einer schlüssigen Interpretation zu kommen. Gleich zu Beginn des ersten Satzes finden Solist und Orchester den richtigen Fluß, die nach vorne gerichtete Orientierung, und stellen dennoch wunderbar ausgeleuchtet jedes einzelne thematische Detail dar. Groß angelegte Klangflächen wechseln mit gut artikulierten und strukturierten Themen, verdichtete Klangmasse erzeugt „brodelnde Glut“ und „schwüles Gedünst“, um sich ständig weiter fließend zu transformieren und sich in feinen „Nebel“ aufzulösen. Im zweiten Satz erklingen bestens intonierte Bläserzwischenspiele und leidenschaftlicher Schmelz der Streicher, lediglich in den leisen Kantilenen würde man sich die Farbigkeit des Violintons noch „gesättigter“ wünschen. Im dritten Satz wechseln „zackige“, fast militaristisch anmutende Motorik mit fließender Melodik, von Jetter verspielt „lässig“ dahin gezauberte, fulminant rasende Sechzehntelketten erinnern den Hörer an manche Skurrilitäten aus Zauberläden und Trickkisten, um ihn dann wieder mit betörenden Kantilenen der Streicher und immer festlicher und feierlicher werdenden Hymnen, umgarnt von orchestralen Klangwolken, in den Hexenkessel der Coda zu entführen.
War diese Interpretation des Rachmaninoff-Klavierkonzerts und die künstlerische Leistung des Orchesters, seines Konzertmeisters und aller seiner Solisten schon bemerkenswert und bewunderungswürdig und über weite Strecken CD reif, so bewies Dimitrov im zweiten Teil des Konzerts mit der Interpretation der Symphonie Nr. 5 von Tschaikowsky, dass er aus dem Konstanzer Orchester einen richtigen Klangkörper zu bilden weiß, dem man alle orchestralen Effekte abverlangen kann: lange Töne werden lebendig, bekommen Richtung, wechseln ihre Farbe. Die unterschiedlichen Register mischen sich bei Bedarf zu einem Gesamtklang, vergleichbar dem Prinzipal einer Orgel, um bei kontrapunktischen Stellen wieder einzeln gegeneinander zu wetteifern – es entsteht ein Concertare auf höchstem Niveau! Düster und schwermütig die Einleitung im ersten Satz, toll gearbeitet die Klang-Ballance zwischen der Klarinette, den anderen Bläsern und den tiefen Streichern. Wunderbar auch, wie die Blechbläser die schwärmerischen Kantilenen der Streicher zunächst nur klanglich „sättigen“, bevor es zum Ausbruch kommt, oder wie das „smorzando“ am Schluss des zweiten Satzes verklingt. Im dritten Satz fällt das klug gewählte Grund-Tempo auf, welches präzise zum Tempo der virtuosen Sechzehntelketten es Mittelteils passt. Im vierten Satz ist der „Staffellauf“ der Instrumentengruppen hervorragend gearbeitet und mündet nach festlichem Abgesang in das Stretta der Coda: Phantastisch! Das klingt so großartig, als schüfe Gott für Konstanz gerade die neue Konzerthalle – nein, schickt die Musik begeisterten Volkswirte, welche ideelle Wertigkeit in zukunftsorientierte Investitions-Zahlen transformieren und alle Haushalts-Politiker vom bevorstehenden Gewinn für die Stadt und den Standort überzeugen können! Das heutige Publikum war schon überzeugt, und wer für den kommenden Freitag eine Karte hat, darf sich freuen.


Markus Horsch

Weitere Aufführungen: Freitag, 18.11. 20:00 Uhr

Bild aus der Zeitschrift

Südkurier Nr. 267/MP von Freitag, den 18. November 2005 "Kultur"


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