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„Deutsche Hochkultur“ im Konstanzer Konzil -
Südwestdeutsche Philharmonie begeistert ihr Publikum mit romantischem Programm

Es ist doch immer wieder erfreulich, mit zu erleben, wie es die sogenannte „Ernste Musik“ vermag, Emotionen frei zu setzen und bei einem breiten Publikum Wirkungen zu erzeugen, welche weit entfernt sind von elitären hochgeistigen „Hirngespinsten“ lebensfremder Intellektueller. Den ersten Begeisterungssturm und Bravo-Rufe gab es im gut gefüllten Konzil-Saal jedenfalls schon nach zwölf Minuten – und dies hatte berechtigte Gründe: Ein regelrechtes Freuden-Feuerwerk hatte das Konstanzer Orchester unter der leitenden Initiative des Gast-Dirigenten Toshiyuki Kamioka am Schluss der Freischütz-Ouvertüre abgefackelt. Alle Zuhörenden konnten hier in Musik miterleben, wie der Sieg über das Böse und über die finsteren Mächte der Natur gefeiert wurde - und zum Feiern war auch das hohe Niveau der Interpretation dieses berühmten Werks. Toll heraus gearbeitete orchestrale Klangeffekte, weit vorausgedachte und gut strukturierte Phrasierung, ein herrliches Klarinettensolo, das man sonst so schön nur auf den allerbesten CDs zu hören bekommt, logisch aufeinander abgestimmte Tempi – ein in seiner tonmalerischen und dramaturgischen Wirkung stimmiges Gesamtkonzept!

Und genau dieses Konzept fehlte bei der Interpretation des wunderbaren und viel zu selten aufgeführten Werkes für Orchester und vier Hörner von Robert Schumann: Hier klang alles nur so ungefähr, die Themen planlos aneinander gereiht, ein bisschen durchgehastet, fast ohne Struktur. Es gab so gut wie keine Korrespondenz zwischen den Horn-Solisten und dem Orchester - dort schien wild die Willkür zu wüten in ihren absonderlichsten Ausprägungen! Freilich waren die vier „wackeren“ Horn-Solisten (das Leipziger Hornquartett, ein Ensemble von Rang und Namen) eine Klasse für sich, obwohl auch ihnen an diesem Abend nicht alles glückte. Doch nach prunkvollem Schluss gab es eine noch prunkvollere Zugabe: „Le Rendezvous de Chasse“, eine Jagd-Phantasie für vier Natur-Hörner und Orchester von Gioacchino Rossini, entlässt ein versöhntes Publikum in die Pause.

Möglicherweise hat Toshiyuki Kamioka die ihm und dem Orchester eingeräumte knappe Probenzeit hauptsächlich dazu benutzt, um eine der „Perlen“ Deutscher Hochkultur, Brahms’ erste Symphonie, mit dem ihm anvertrauten Klangkörper auf Hochglanz zu polieren. Denn was es hier in der zweiten Hälfte des Konzertes zu hören gab, muss keinen Vergleich scheuen mit den großen Orchestern der Welt, welche z.B. in Luzern alljährlich ihr Stelldichein geben, und zu deren Repertoire dieses Meisterwerk ebenso gehört. Mit Ausnahme des akustisch so erbärmlichen Konzil-Saals, in dem diese wunderbare Musik dem Konstanzer Publikum zu Ohren gebracht wird (ein neidischer Seitenblick gilt der Singener und Friedrichshafener Hörerschaft, die das Konzert in ihren Sälen hören konnte oder kann), gibt es hier qualitativ kaum Unterschiede.

Neben dem allfälligen Ausarbeiten und Abmischen der unterschiedlichen Klangregister liegt Kamiokas Stärke vor allem darin, Entwicklungen aufzuzeigen und bis in die letzte Konsequenz durchführen zu lassen. Und er zwingt die Musiker dazu, sich gegenseitig zuzuhören (auf den Punkt genaue Einsätze fehlen allerdings allzu oft) und aufeinander zu reagieren. Accelerandi, Neubeginne, sich im Widerstreit gegenüber stehende Klang-Blöcke, Ostinati, fließende Kantilenen, Stillstand, das Hören in die Stille, dann wieder Bewegung, der richtigen Wirkung entsprechend gewählte Tempi, Verdichtung der Klangmasse bis zum Ausbruch – diese Mittel setzt Kamioka bewusst und klug ein – und das Orchester spielt mit und zeigt sich mit herrlichen Flöten-, Klarinetten- und Oboen-Soli, im Vergleich zu vorigen Konzerten doch schon mit verbessertem und dichterem hohen Streicher Sound, einem Horn-Ensemble, welches dem Leipziger Hornquartett klanglich und von der Intonation her kaum nach steht, prächtigen Posaunen- und Trompeten-Chorälen - also insgesamt als hoch motivierter, qualitativer und ausdrucksstarker Klangkörper. Bravo!


Markus Horsch

Südkurier Nr. 59/H vom Samstag, den 11. März 2006 in "Kultur in der Region"


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