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Bayreuth auf Tournee

Romantische Oper „Lohengrin“ zu den Herbert-von Karajan-Pfingstfestspielen im Festspielhaus Baden-Baden

Welcher Mann wünscht sich das nicht? Eine Frau, die ihn bedingungslos liebt ohne zu hinterfragen wer er sei und warum er so sei? Die einfach nur das Göttliche, oder mindestens künstlerisch Geniale (was für Richard Wagner fast dasselbe war) in ihrem Mann sieht, ihn darin versteht und ihn deshalb und dafür vorbehaltlos liebt und bewundert, ja sogar dankbar und ehrerbietend zu ihm aufschaut? Freilich lässt sich damals wie heute aus psychologischer und gesellschafts-politischer Sicht sofort aufzeigen, welche Ursachen und Grenzen solch hingebungsvolle Liebe im Wechselspiel der Kräfte zwischen Mann und Frau hat, und auch woran sich der tragische Konflikt entzündet, der diese Liebe zum Scheitern bringt und die darin verstrickten Personen ins Verderben stürzt. Denn sowohl die im Licht und Glanz stehende „göttliche“ Person hat ihren Verpflichtungen, Regeln und Gesetzmäßigkeiten innerhalb der Welt zu genügen, von der sie ihren Glanz erhält, wie auch die durch die Liebe erhöhte und ins Licht der Öffentlichkeit gerückte Frau ihre Abhängigkeit von nur allzu menschlichen Empfindungen und Bedürfnissen auf Dauer nicht unterdrücken kann.

Der 32-jährige Richard Wagner, der sich sowohl künstlerisch als auch in der Liebe noch unerkannt und unverstanden fühlte, schöpfte sich den Stoff für „Lohengrin“ zu diesem ihm persönlich ureigensten Thema mit Personen und Symbolen aus Märchen, Mythen und Sagen und schafft sich und seiner Welt damit eine „romantische Märchen-Oper“ in der es ihm hauptsächlich um diese seine Sehnsucht nach dem „Verstandensein durch Liebe“ als Künstler geht.

Dennoch hat er mit diesem Werk nicht nur musikalisch, sondern auch in seiner psychologischen Verstrickung der darin agierenden Personen ein zeitloses Gesamtkunstwerk geschaffen, dessen Aktualität sich in der Baden-Badener Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff überdeutlich darstellt und sich durch das betrachten der Bühnenbilder von Stephan Braunfels eindrucksvoll einprägt: Der von Elsa (Solveig Kringelborn) aus den tiefsten Schichten ihres Unterbewusstseins heraufbeschworene und auf einem Lichtstrahl auf die Bühne „gebeamte Superman“ Lohengrin (Klaus Florian Vogt) löst individuelle wie auch kollektive Not und wird im ersten Akt nach einer „Parlamentsdebatte“ (statt wie bei Wagner Gottesgericht) zum Befreier. Doch welche Kräfte verleihen Lohengrin diese Macht? Ist auch Geld mit im Spiel? Wohin führen diese „Stufen des Erfolges“ (Bühnenbild), auf deren untersten im zweiten Akt der durch böse Weiberlist verführte, gescheiterte, entehrte, gedemütigte und der Herrschaftsfolge enthobene Telramund (Tom Fox) mit seiner zu weiterem Unheil anstiftenden Ehefrau Ortrud (Waltraud Meier) kauert? Die visuellen Eindrücke dieser Inszenierung assoziieren die möglichen Zusammenhänge äußerer Machtverhältnisse in unserer Zeit, wie die Musik und die Dichtung Wagners die inneren Konflikte und tiefenpsychologischen Zusammenhänge aufzeigen. Die menschliche Güte, Wärme und Naivität Elsas wird von Ortrud in einem regelrechten strategischen Gefühlskrieg in ihrer Verletzlichkeit aufgespürt und treibt sie, einmal getrübt in ihrem unabdingbaren Vertrauen, zu der selbstvernichtenden Frage nach der Herkunft ihres Erlösers. Dass Liebe nicht nur die Sache zwischen zwei sich liebenden Personen ist, sondern ebenso eingebettet in das Bestehen innerhalb eines sozialen Umfeldes, dies wird gegen Ende des zweiten Aktes deutlich, als die von Ortrud aufgewiegelte Menge sensationslüstern miterleben darf, was eigentlich intimste Angelegenheit der Brautleute sein sollte. Nur durch das ausgesprochene Vertrauen des Königs Heinrich (Hans-Peter König) kann der erhobene Verdacht der Zauberei mindestens öffentlich noch einmal zurück gedrängt werden. Doch im dritten Akt kommt es dann zur Katastrophe: Zu lange haben Elsa und Lohengrin eine Aussprache hinaus gezögert – jetzt reden sie aneinander vorbei und offenbaren damit menschliche Leere und Einsamkeit. Ein Thema unserer Zeit. Dass Nikolaus Lehnhoff Lohengrin im dritten Akt nun doch noch als Künstler darstellt, indem er ihn an einem zur falschen Seite hin geöffneten Flügel komponierend und improvisierend agieren lässt, zeigt noch einmal die menschlich-künstlerische Komponente des Dramas im Sinne Richard Wagners ursprünglicher Intension. Diese Komponente jedoch, wie auch der Tod Elsas lässt Lehnhoff nach der Offenbarung Lohengrins vor der Öffentlichkeit dann aber überlagern von der Tatsache, dass eine Lichtgestalt geht, ein anderer Machthaber ins Licht gerückt wird, und manipulierte und kriegsbereite Menschen übrig bleiben. Ein aktuelles und bedrohliches Ende.

An Bayreuther Qualität gemessene Erwartungen konnten in musikalischer und sängerischer Hinsicht nicht ganz erfüllt werden: Oft zu unruhig, unstet und der Zeit ständig voraus hastend war das Dirigat Kent Naganos, unter dessen Händen weit gedachte musikalische Intentionen regelrecht „zerbröckelten“ . Auch war dem zufolge der Chor vor allem im ersten Akt oft nicht zusammen mit dem Orchester. Unsensible Beckenschläge symptomatisch für die noch zu leistende bessere klangliche Abmischung innerhalb der verschiedenen orchestralen Register, und auch was den Wechsel der Funktion des Orchesters anbelangt (mal untermalend, mal kommentierend, mal unterstützend treibend, mal solistisch) gäbe es noch Verbesserungsmöglichkeiten, die den musikalischen Eindruck entscheidend steigern würden. Außergewöhnlich auch, dass ein ganzes Ensemble von namhaften und Bayreuth geprüften Solisten ihre stimmlichen Grenzen zeigen, mit Ausnahme von Hans-Peter König (König Heinrich), der als einziger seiner Partie mit vollem Glanz und Substanz gerecht wurde. Die erst neu entdeckte Stimme von Klaus Florian Vogt ist zwar von wunderschöner lyrischer Reinheit und strahlendem Glanz zu Beginn, aber eben eine lyrische Stimme für lyrische Partien, die jedoch unter den strapaziösen Anforderungen im Verlauf einer Lohengrin-Partie hörbare Einbußen erleidet. Dasselbe gilt für Solveig Kringelborn (Elsa), welche sich allerdings im dritten Akt nochmals steigern konnte und vor allem schauspielerisch überzeugend wirkte, was ihre Bühnenpräsenz anbelangt. Waltraud Meier (Ortrud) und Tom Fox (Telramund) agierten gekonnt routiniert, allerdings nicht überragend – auch ihnen fehlte die letzte Kraft und Glanz in der Stimme. Der dennoch positive Gesamteindruck entstand nicht zuletzt durch die bestens einstudierten Chorpartien (Joshard Daus) und vor allem durch das immer wieder inspirierende und ins rechte Licht (Duane Schuler) gerückte Bühnenbild (Stephan Braunfels) während des zweiten Aktes, welches in seiner Wirkung auch im Nachhinein noch Spuren hinterlässt.

Markus Horsch

Südkurier Nr. 129 / MP vom Mittwoch, den 7. Juni 2006 "Kultur"


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