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„Denn sie wissen doch, was sie tun“
Gefeierte Premiere von Mozarts „Le Nozze di Figaro“ in St. Gallen

Was macht es für ein Publikum in unserer heutigen Zeit noch aus, sich mit den Problemen einer Hochzeit auseinander zu setzen, wie sie im 18. Jahrhundert durch gesellschaftliche Konfliktsituationen entstanden sein könnten? Finden wir das noch komisch, wenn ein Graf seinen Bediensteten den Hochzeitstermin mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln verschleppen möchte, um doch noch das zwar schon offiziell abgeschaffte, nun aber doch wieder herbei gesehnte Recht der ersten Nacht in Anspruch nehmen zu können? Die St. Gallener Inszenierung von Franziska Severin macht sich nicht einmal die Mühe, in ihrer Ausstattung und mit den Kostümen und Bildern einen Aktualitätsbezug zu unserer heutigen Welt zu schaffen. Und das braucht sie auch nicht! Denn die handelnden Personen in Mozarts Oper stehen typisiert und agieren institutionalisiert – und das „Spiel“ mit Liebe, sexueller Anziehungskraft und der Heirat aus Vernunft- oder Standes-Gründen hat sich auch nach über 200 Jahren in keiner Weise geändert. Diese Thematik wird immer zeitlos bleiben, und Mozarts Musik ebenso für denjenigen, der sie „dechiffrieren“ kann: Welch’ zärtliche Hingabe und betörender Schmelz, was für ein wutentbrannter Schmerz, Rachegelüste, Eifersucht, Neid, Selbstgefälligkeit, Eitelkeit, und dann wieder Verspieltheit, Ironie,Flirt, Witz, Charme, körperliches Verlangen bis zur Geilheit – das wurde vom Orchester (Anfangs noch in geglückten Momenten – und im späteren Verlauf immer öfter) sowohl musikalisch, als auch von den Sängern schauspielerisch in hervorragender Weise umgesetzt. Leider waren die Tempi des Dirigenten Herrn Jiri Kout oft zu schnell gewählt, so dass immer wieder viele musikalische Aussagen zu belanglos daher kamen und die Sänger ihre liebe Not hatten, Tempo zu halten und Ausdruck zu schaffen. Schon die Ouvertüre erklang zu unruhig, das Wechselspiel innerhalb der Dialektik verblasste, Einsätze klapperten und der von Mozart beabsichtigte Liebreiz kam nicht innig genug zur Geltung. Und wenn Sänger im Verlauf ihrer Partie immer wieder nicht genug Zeit haben zu atmen, dann können z.B. Wut und Entrüstung auch nicht so tief sitzen, als dass sie glaubhaft ihre Wirkung auf ein Publikum übertragen könnten! Ein Marsch klingt nicht gefestigt genug und „verflüchtigt“ sich in seiner Wirkung, ein Akzent „verpufft“, weil nicht in die Stille hinein gespürt und erfasst wurde, was dieser Akzent an Spannung und Erwartung beim Hörer angerichtet hat, und tanzendes Getändel verkommt zum unsinnig hektischen Getue. Anfangs übertrug sich diese permanente Unruhe sogar auch auf die Rezitative, obwohl hier ein ganz ausgezeichneter Cembalist die nötige Hilfestellung gab, und damit den agierenden Sängern zu entsprechendem dramaturgischen Ausdruck verhalf.
Warum diese Aufführung jedoch trotzdem so begeistern konnte, lag neben den schauspielerischen vor allem an den sängerischen Qualitäten der Agierenden und den bestens einstudierten Partien. Was ein Jeremy Carpenter in der Rolle des Conte Almaviva darstellte, das kann sich so in allen großen Opernhäusern hören lassen. Diese junge, frische, unverbrauchte, wohl tönende, frei schwingende und tragfähige Bariton-Stimme ist eine Entdeckung und hält dem Vergleich stand mit den ganz Großen dieses Stimmfaches. Aber auch Edith Haller konnte ihre lyrische Sopranstimme in der Höhe zu vollem Glanz entfalten und wurde ihrer Rolle als Contessa Almaviva mehr als gerecht, und alle zusammen waren vor allem in den Ensembles ein perfekt eingespieltes Team. Ein Bravo also für die Gesamtleistung der Sänger und auch für das sich im Konflikt wacker schlagende Orchester - und falls sich die möglicherweise Premiere bedingten Unsicherheiten noch ändern sollten, so wäre dieses „Mozart’sche Liebesspektakel“ ein unbedingt zu erlebendes Amüsement für jeden Opernliebhaber der Region.


Markus Horsch


Weitere Aufführungen: 31.10./6.11./17.11./19.11./25.11./7.12/23.12.und weitere in 2004

Südkurier Nr. 249/K von Dienstag, den 28. Oktober 2003 "Kultur in der Region"


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