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Lust auf Italien -
Das Merlin Ensemble Wien mit einem italienischen Programm in der Kartause Ittingen

Kaum zu glauben, dass ein Zwölfjähriger es schafft, mit einer Komposition in skurriler Minimalbesetzung von zwei Violinen, Violoncello und Kontrabass eine Stimmung zu vermitteln, welche heute noch als der Inbegriff des unbeschwerten Lebens gilt: „La dolce vita“ in Klangassoziation! Aber vielleicht ist es gerade die kindlich unbekümmerte Freude, gepaart mit musikalischer Genialität, durch die Rossini mit seiner Streicher-Sonate den Hörer in frühlingshaft unbeschwerte Gefilde entführt. Martin Walch und seinem Ensemble gelingt es vortrefflich, das Publikum in diese Stimmung zu verzaubern, trotz der manchmal etwas angestrengt klingenden und dominierenden Violine, dem oft zu schwachen und unterbelichteten Bass und der insgesamt noch herrschenden Unruhe, welche durch einen ständig nach vorne gerichteten „Drive“ hervorgerufen wird. Es entsteht der Wunsch nach mehr Beschaulichkeit und dem Innehalten in diesen doch so gelungen inszenierten glückseligen Momenten. In den klangmalerischen Passagen des zweiten Satzes klingt die Violine zu spitz und scharf, und im dritten Satz will der Witz und Charme nicht so recht zur Geltung kommen: die Repetitionen im Cello wirken zu „schlapp“, das Kontrabasssolo wird vom Gesamtklang zugedeckt und kann sich nicht entfalten.
Diese leichten Unstimmigkeiten innerhalb der Klangbalance und der Artikulation werden aber schon in Boccherinis Streichquintett ausgeglichen. Hier gelingt es dem Ensemble (die Viola ergänzt zum Quintett), ein ganz fein verästeltes Netzwerk von sich durchdringenden Stimmen darzustellen, mal flächig sich im homophonen Satz vereinend, mal polyphon auseinander treibend, und dem Hörer die Bedeutung jeder noch so nebensächlichen Note zu vermitteln. Nun kehrt die gewünschte Ruhe und Ausgewogenheit ein: Ein perfektes Zusammenspiel von metrischen, harmonischen und melodischen Zusammenhängen, welche hervorragend heraus gearbeitet wurden, lassen unmittelbar wirkende Eindeutigkeit in allen dramaturgischen Affekten zur Geltung kommen - und wunderschöne Kantilenen, welche sich aus den zunächst dem homophonen Satz einfügenden Füllstimmen heraus entwickeln, vermitteln diese „Lust auf Italien“.
Nach der Pause erklingen Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in solistischer Minimalbesetzung: Das vorige Quintett erweitert sich durch Hinzufügen einer weiteren Violine, einem Fagott und dem Cembalo zum „Barock-Ensemble“ und schafft eine begeisternde Interpretation dieses so berühmten Werkes. Klare Strukturen und damit verbundene Affekte treten hervor, feinste Artikulation, perfektes Zusammenspiel, klug gewählte und in sich ruhende Tempi, deklamatorische Dramaturgie innerhalb der rezitativischen Passagen, packende und fulminante Ostinati und Unisonos, klangmalerische Beschaulichkeit – dies überträgt sich so glaubwürdig auf die Hörerschaft, dass sie nach Erklingen des Winters fast fröstelnd, jedoch musikalisch beglückt und inspiriert in die sommerlichen Temperaturen eines herrlichen Frühlings-Sonntags entlassen wird.


Markus Horsch

Südkurier Nr. 103/H von Dienstag, den 6. Mai 2003 "Kultur in der Region"

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