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Vom Orchester zum Klangkörper

Konstanzer Philharmoniker überzeugen
mit Russischem Programm

Das war sicher keine Verkettung von Zufällen: Der Chef-Dirigent Vassilis Christopoulos kommt ein paar Minuten verspätet zum Konzert-Auftritt - am selben Nachmittag tagte die Findungskommission für die Nachfolge des scheidenden Intendanten Christian Lorenz. Und dann in der Folge des Abends ein Konzert, bei dem sich die Musiker von ihrer besten Seite zeigten. So als ob alle miteinander einen Markstein setzen wollten, um ihrem zukünftigen Leiter ihrer Geschicke zu zeigen, wer sie sind und wo sie im Moment stehen in ihrer Entwicklung vom Orchester zu einem homogenen Klangkörper. Dass diese Entwicklung im Moment statt findet, konnte man schon rein äußerlich an einer neuen Sitzordnung des Orchesters feststellen, denn gleich zu Beginn der Orchesterdichtung „Das Begräbnis“ klangen die Kontrabässe nicht mehr wie sonst isoliert von rechts außen, sondern neu platziert zusammen mit der Harfe aus der Mitte, gleich dem „Herz“ eines pulsierenden Klangkörpers.  Aus diesem Zentrum heraus entwickelte sich Dimitri Mitropoulos’ Tondichtung als eine Mischung aus polyphonem Bach-Choral und expressionistischer Instrumentations-Studie, welche vom Orchester unter Initiative von Christopulos beeindruckend dargestellt wurde: Farben schimmern, kommen allmählich zum leuchten, sättigen und mischen sich, um wieder zu verblassen. Dichte Streicher-Linien strömen zusammen zu einem ineinander verwobenen Meer an Stimmen, werden Register für Register angereichert und kulminieren über einem Paukenwirbel zum heldenhaften Hymnus der Bleckbläser.
Nicht ganz so konzentriert, präsent und homogen zeigte sich das Orchester zu Beginn der „Begleitung“ des Pianisten Andreas Jetter mit Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini. Vielleicht wurde dieses Werk auch in Anbetracht der Fülle des Abendprogramms von der Probendauer und vom Anspruch an die Rolle des Orchesters für den Gesamteindruck zunächst unterschätzt. Das unglaubliche Energie-Potential des Pianisten Jetter und dessen überragende darstellerische Präsenz und musikalische Einfühlsamkeit wirkten sich aber im Verlauf in Wechselwirkung auch auf die Konzentration und das Verantwortungsbewusstsein der Orchestermusiker positiv aus. Und so ging dann doch noch vom Orchester die Initiative aus, welche zusammen mit dem Klavierpart innerhalb dieser vielschichtigen und reichhaltigen Komposition den Hörer in komprimierter Abfolge in die unterschiedlichsten spätromantischen, impressionistischen, ja sogar jazzigen und leicht verkitschten Visionen, Sphären, Träume und Ekstasen entführte. In der Zugabe zeigte sich Andreas Jetter mit seiner eigenen Transkription als ein Pianist, dessen poetischem Klavierspiel und sinnlicher Klangmalerei man stundenlang zuhören möchte. Das Publikum honorierte diesen insgesamt beglückenden Gesamteindruck mit dankbaren und begeisterten Beifallsovationen zur Pause.
Dass die Sechste Sinfonie „Pathétique“ von Tschaikowsky auf dem Programm stand, war sicherlich einer der Gründe, warum der Obere Konzil-Saal fast ausverkauft war. Dieses Spätwerk Tschaikowskys, welches kurz vor seinem Tod uraufgeführt wurde, vereinigt in sich die gesamte Schaffenskunst des großen Russischen Meisters und wird nicht nur von den führenden Platten-Labels immer wieder mit einer Neueinspielung irgendeines großen Orchesters mit den namhaftesten Dirigenten bedacht, sondern kommt auch in allen großen Konzertsälen der Welt zu Gehör. Mit diesem Werk kann ein Orchester „hausieren“ gehen – und Christopoulos führt die Konstanzer Musiker auswendig dirigierend auf ein beachtliches Niveau! Sei es, jeweils stellvertretend genannt, im ersten Satz die wunderschön eingefangene Atmosphäre des herrlich geblasenen Klarinetten-Solos, oder im zweiten Satz  der deutlich  herausgearbeitete Stimmungsumschwung ins tänzerisch und heiter Beschwingte, im dritten Satz das schier militaristisch wirkende und im Stechschritt bedrohlich aufmarschierende Thema mit punktiertem Rhythmus (nach dem dritten Satz gab es sogar Zwischenapplaus), und im vierten Satz die schönen Übergänge vom schmerzerfüllten Habitus hin zum innig empfundenen und in die Stille hinein gehörten intimen Klang, welcher Versöhnung und wärmenden Trost spendete nach so vielseitiger Darstellung von innerer Zerrissenheit und seelischer Not: Hier gelang Christopoulos mit seinen Musikern  für das gesamte Werk eine durch und durch schlüssige und glaubwürdige Interpretation, die – wenn erst einmal noch in einem anderen Saal vorgetragen – keinen Vergleich scheuen muss. Bravo! Hingehen, anhören.

Markus Horsch

Südkurier Nr. 268 vom 20. November 2007 "Kultur in der Region"

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