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„Wiener Klassik“ in Kreuzlingen (1)
Konstanzer Philharmoniker in der Aula des Lehrerseminars
Kreativität, Inspiration und Innovation – sind dies
nicht die Eigenschaften, welche heutzutage in allen Lebensbereichen
immer wieder angemahnt und eingefordert werden müssen? Und
was für ein Geist muss herrschen, um veraltetes Brauchtum und
Strukturen aufbrechen zu lassen, damit Spielräume für
Genialität entstehen können, welche wiederum sinnvolle,
weil Lebensqualität schaffende, Erneuerungen ermöglichen?
Mozart kümmert sich in seiner kurzen Lebenszeit wenig um das
Empfindungsvermögen derer, die er eigentlich mit seiner Musik
„bedienen“ müsste – dies macht ihn unsterblich
und seine Musik für uns so aktuell denn je!
Witz, heitere Laune und Unbekümmertheit wie auch Momente des
unverfälschten Einblicks in tiefgreifende Seelen- und Gefühlszustände
sprechen aus dieser Musik. Und ist man als Interpret auf der Suche
nach assoziierenden Phrasen, Floskeln und Gesten, welche in ihrer
Stimmigkeit den Hörer in die Harmonie seines ursprünglichen
Kindheits-Gemütszustandes zurückversetzen, so wird man
immer wieder neu fündig. Mozart lässt Spielräume
der Interpretation und verschiedene Wege zur Erschließung
seiner Musik offen.
Nur: Mindestens einen Weg muss man gehen, eine Idee in ihrer ganzen
Konsequenz verfolgen und das logisch zu Ende führen, was man
einmal initiiert hat. Und dies setzt eine unglaubliche Wachheit,
Aufmerksamkeit, geistige Frische, Reaktionsfähigkeit und Spannkraft
voraus, die an diesem Abend der Dirigent Miquel Ortega nicht in
der Lage war, auf das Orchester zu übertragen. Vieles kam zu
flach, unbedeutend, harmlos, spannungslos und homogen daher, wo
doch eigentlich etwas spezielles Charakteristisches zu erwarten
gewesen wäre. Denn alle drei an diesem Abend aufgeführten
Werke beinhalteten musikgeschichtlich schier revolutionäre
Neuerungen, die es zu erkennen, zu durchdringen und darzustellen
gilt.
Nach der Symphonie Nr. 29 A-Dur, einem Frühwerk des erst 18-jährigen
Mozarts, erklingt das 24. Klavierkonzert c-Moll mit dem Kreuzlinger
Solisten Timon Altwegg. In diesem harmonisch und instrumentatorisch
reicheren Spätwerk Mozarts keimt ansatzweise im Wechselspiel
des Solisten mit dem Orchester die Lebendigkeit auf, welche vorher
bei der Interpretation der Symphonie vermisst wurde. Bemerkenswert
auch die von Timon Altwegg verfassten Kadenzen, welche Mozarts Verwendung
harmonischer Neuerungen aufgreifen und bis zu spätromantischen
und pianistisch effektvollen Klang-Agglomeraten weiter führen.
Aber leider auch des Pianisten Tongebung zu flach, im Ausdruck zu
wenig charakteristisch ausgeprägt, mit wenig Glanz und ohne
Sinnlichkeit.
Nach der Pause erklingt Beethovens erste Symphonie, ein Werk, welches
der Meister in seiner „köstlichsten jugendlichen Frische“
und unter langwierigen und zähen Kämpfen mit sich selbst
und seiner Schaffenskraft verfasst hat.
Ortega „dirigiert“ das Orchester im wahrsten Sinne des
Wortes anstatt zu initiieren, denkt zu schnell nach vorne und scheint
den Besonderheiten dieser Komposition wenig Bedeutung zuzumessen.
Synkopen werden zu schwach betont, Akzente nicht richtig vorbereitet,
lyrische Passagen erklingen ohne empfindsame Innigkeit. . . Was
„Kühn und Neuartig“ sein sollte, klingt „normal“,
als ob es das Normalste schlechthin sei – lediglich im Da
Capo des Scherzos und im letzten Satz entsteht die Energie, welche
sich dann inhaltlich auch auf das Publikum übertragen kann:
hier Ausgelassenheit, Übermut und überschäumende
Freude.
Ende gut – alles gut. Die Hörerschaft dankt mit anhaltendem
Applaus und freut sich auf weitere Konzerte in der vom Intendanten
der Südwestdeutschen Philharmonie neu initiierten Konzertreihe
„Wiener Klassik“.
Markus Horsch
Südkurier Nr. 91/K von Dienstag, den 20.
April 2004 "Kultur in der Region"
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