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„Wiener Klassik“ in Kreuzlingen (2)
Südwestdeutsche Philharmonie in der Aula des Lehrerseminars
Die vom Intendanten der Südwestdeutschen Philharmonie Christian
Lorenz in Kooperation mit der Kreuzlinger Konzertagentur Morton
und Partner umgesetzte Idee einer kleinen Konzertreihe, veranstaltet
in einer kleinen Räumlichkeit (mit hervorragender Akustik),
in der auch „kleinere“ Werke mit Bezug zur „Wiener
Klassik“ zur Aufführung kommen ist aufgegangen. Mehr
noch: Der Begriff „Klassik“ zwingt geradezu in seiner
Bedeutung von „Vollkommenheit“ und „Vollendetheit
in Form und Gestalt“ die Hinwendung und Ausleuchtung des kleinsten
Details, so dass sich „Kleines“ sowohl in der Aufzählung
seiner Vielzahl als auch in der inhaltlichen Bedeutung seiner Gesamtheit
zu „Großem“ erschließt. In diesem Zusammenhang
können sowohl „kleine“ Werke großer Meister,
als auch „große“ oder zu Unrecht vergessene und
kaum noch aufgeführte Werke unbekannter Meister wieder eine
Zuhörerschaft finden – und diese Idee schließt
ebenso eine musikwissenschaftliche wie auch bildungspädagogische
Komponente mit ein, welche an diesem Abend besonders hervor trat:
Wie kann man die großen Werke Beethovens verstehen, wenn man
nicht das Genie und die musikalischen Einflüsse des Jugendlichen
erkennt, dargestellt im kleinsten Detail? Wie kann man Romantik
verstehen, wenn man nicht das erkennt, was ein großer romantischer
Komponist wie Tschaikowsky aus Mozart-Werken verromantisierend „veranstaltet“?
Letzteres misslang allerdings dem Dirigenten Jochen Wehner zusammen
mit dem Orchester gründlich! Da hätte man mehr herausarbeiten
können: These – Antithese – Periode, Entwicklung
– Witz – Pointe – Abgesang, Sequenz – Sequenz
– Kadenz : es stimmte einiges nicht, was die metrischen und
formalen Gegebenheiten und deren stilisierte gestische Wirkungen
anbelangt, und einzig die Holzbläser präsentierten sich
und korrespondierten wieder einmal perfekt in kammermusikalischer
Besetzung. Aber auch, dass Verromantisierung nicht nur neue Instrumentierung
bedeutet, sondern inhaltliche und damit dramaturgische Veränderung
der musikalischen Intension – das schien den Interpreten völlig
außer Bewusstsein, und kam entsprechend harmlos und nur blass
zur Geltung.
Doch umso Spannenderes und Packenderes erlebten die Zuhörer,
als der Pianist Peter von Wienhardt zusammen mit dem Orchester das
Es-Dur-Klavier-Konzert des erst 14-jährigen! Beethovens interpretierte.
Einerseits verblüffte die Komposition an sich in seiner Reichhaltigkeit,
Tiefgründigkeit und Reife, verbunden mit Witz, „stürmerischem
Drängen“ und empfindsamen Kantilenen – andererseits
hatten die Hörer auch den Eindruck einer ganz besonders gut
gelungen Interpretation, denn Wienhardt schaffte den Zusammenhang
perfekt darzustellen zwischen der benötigten Liebe zum Detail
und deren Auswirkung auf das gesamte dramaturgische Geschehen innerhalb
der Komposition. Feinst ausmusizierte Verzierungen, Schnörkel
und „Galanterien“, witzige Verspieltheit im Wechsel
der Themen zwischen Soli und den Orchesterstimmen, großartig
angelegte Fuoco-Klang-Arpeggien mit orchestralem Hornquinten-Sound
im Wechsel mit empfindsamen und zart dahin schmelzenden Kantilenen
– und im Stretta des letzten Satzes dann fulminant dahin rasende
Sechzehntelketten – dies initiierte stürmischen Beifall
und eine Zugabe des Pianisten vom brasilianischen Komponisten Heitor
Villa-Lobos, in der Wienhardt das Publikum noch einmal mit seinen
überragenden pianistischen Fähigkeiten und seiner Bühnenpräsenz
verzauberte und beglückt in die Pause entließ.
Zu größerer meisterlicher Leistung gelangte das Orchester
unter Leitung von Jochen Wehner mit der Interpretation von Mozarts
„Prager“ Sinfonie nach der Pause. Zwar gelang das aus
Synkopen sich heraus entwickelnde Thema des ersten Satzes erst in
der Reprise wirklich deutlich, waren die Celli in der Tongebung
immer wieder undeutlich und unstrukturiert, doch kam nun insgesamt
der richtige „Schwung“ auf, entsprechende Farbigkeit
und Ballance zwischen den Registern, und Wehner gelang der Spannungsaufbau
immer dann am besten, wenn sich zu bestehendem Klang oder Thema
Neues gestaffelt hinzu fügte und sich dramatisch zu Großem
ergänzte.
Kam diesmal also in der Reihe „Wiener Klassik“ ein großes
Meisterwerk Mozarts im Vergleich zu einem fast zur selben Zeit komponierten
Frühwerk Beethovens einerseits, und der von Tschaikowsky verromantisierten
Suite Mozartscher Themen andererseits zur Aufführung, so kann
man schon jetzt gespannt sein auf das nächste Konzert in dieser
Reihe, welches am 1. Oktober unter der Leitung des neuen Chefdirigenten
Vassilis Christopoulos statt finden wird und Beethovens Egmond-Ouvertüre
einem Klarinettenkonzert von Franz Anton Hoffmeister und einer Sinfonie
von Ferdinand Ries gegenüber stellt.
Markus Horsch
Südkurier Nr. 128/H von Dienstag, den 7.
Juni 2005 "Kultur in der Region"
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